Atmung (Lungenntmung).

15

und die Brust. Je nachdem die Thiitigkeit des Zwerch fells oder der Brustmuskeln beim Atmen überwiegt, unterscheidet man das sogen. Bauchatmen oder das Bruftatmen. Bei diesem wird mehr die Brust, bei jenem mehr der Bauch herausgewölbt und aus gedehnt. Das Bauchatmen herrscht beim Mann, das Bruftatmen beim Weib vor. Bei tiefer Einatmung, namentlich bei der Atemnot und angstvoller Atcm- behinderung, nehmen freilich noch zahlreiche andre Muskelgnipven an der Erweiterung der Brusthöhle Anteil. Im Gegensatz zum Einatmen erfolgt das gewöhnliche ruhige Ausatmen in der Regel nur dadurch, daß die bei der Inspiration aus ihrer Gleich gewichtslage gebrachten Brustwandungen nach der Erschlaffung der Jnspirationsmuskeln durch Schwere i nd Elastizität wieder in jene zurückkehren. Die Schwere bringt die gehobenen Rippen wieder herab, die Elastizität der Lungen zieht das Zwerchfell wieder in die Höhe; die Elastizität der Ripxenknorpel bringt die Rippen wieder in ihre Gleichgewichtslage. Hier durch wird der Bruftraum und mit ihm auch der Raum der Lunge verkleinert und so ein Teil der in ihr enthaltenen Luft ausgetrieben. Die Erweiterung der Lungen bei der Einatmung, welche alle Hohl räume derselben , besonders aber die nachgiebigsten, die Lungenbläschen, betrifft, bewirkt ruhigem Annen eine Zunahme des Luftgehalts, welche etwa ein Sechstel des Gelamtinhalts beträgt. Durch tiefere A. ist ein weit bedeutenderer Luftmechfel möglich Die Luftmenge, welche nach einer möglichst tiefen Inspiration ausgeatmet werden kann, nennt man die vitaleKapazität der Lunge; sie beträgt nach Hutchinson für den Erwachsenen etwa 377Ü eem. Aber auch nach der tiefsten Ausatmung bleibt noch ziemlich viel Luft in der Lunge zurück, nämlich etwa IAO— 1SV0, nach einer gewöhnlichen ruhigen Aus atmung sogar noch etwa !j<XK) ccm. Die Menge der durch einen gewöhnlichen ruhigen Atemzug ein- und ausgeatmeten Luft beträgt etwa nur SV» «cm. Es wechseln diese Größen bei verschiedenen Individuen und Körperzuständen, namentlich bei Ruhe und Be wegung des Körpers, sehr bedeutend. Zur Bestim mung der geatmeten Luftmengen dient ein von Hutchinson angegebener, nach dem Prinzip des ein fachen Gasometers konstruierter Apparat, der als Spirometer bezeichnet wird.

Die Bewegung der Luft in den Respirations organen erzeugt eigentümliche Geräusche, Respi- mtionsgeräusche. Legt man das Ohr an eine Stelle der Brustwand, unter welcher sich normales Lungengemebe befindet, so vernimmt man an ver schiedenen Stellen der Brustmand Geräusche von wechselnder Beschaffenheit. Sie entstehen überall, wo die Luft aus einem weiter« in ein engeres Rohr strömt oder umgekehrt, besonders also an der Über gangsstelle der Lungenbläschen in die feinsten Äst chen der Luftröhre und an der Eintrittsstelle des Kehlkopfs in die Rachcnhöhle. Der bei der Inspi ration durch den Kehlkopf streichende Luftftrom er zeugt ein Geräusch von scharfem, blasendem Cha rakter, das annähernd durch die Aussprache von ch wiedergegeben werden kann (bronchiales Respi rationsgeräusch). Da es durch die starren Wan dungen der Luftröhre und ihrer Verzweigungen fort- gelertet wird, so ist es auch an den Brustwandungen, besonders in der Rückengegend, hörbar und hier um so mehr, je weiter nach oben man das Ohr anlegt. Beim übertritt der Luft aus den feinsten Luftröhren- üämmchen in die Lungenbläschen entsteht das vesi- kulöre Respirationsgeräusch. Dieses hat bei

oberflächlicher A. einen unbestimmten Charakter, wäh rend es bei tiefer A. weich und schlürfend ist und der Aussprache eines m bei verengerter Mundöffnung gleicht. Das vesikuläre Atmen ist an den «ordern und untern Lungenabschnitten am reinsten zu hören. Bei der Exspiration ist ein Vesikuläratmen in Regel nicht hörbar, während ein im Kehlkopf ent stehendes und durch die Luftröhrenmandung fort geleitetes Bronchialgeräusch sehr deutlich zu ver nehmen ist. Bei den verschiedenen Krankheiten der Respirationsorgane werden die Atmungsqeräusche in der mannigfachsten Weise abgeändert und gewähren dadurch ein wertvolles Hilfsmittel für die Erkennung und Unterscheidung der einzelnen Krankheiten,

Können auch die Respirationsbemegungen bis zu einem gemissen Grad willkürlich hervorgebracht wer den, so geschehen sie doch gewöhnlich unwillkürlich und rhythmisch. Die durchschnittliche Frequenz der Atemzüge beträgt beim Erwachsenen 16— 20 in der Minute. Um die Anregung zu Viesen unwillkürlichen und rhythmischen Atembewequngen zu verstehen, ist es erforderlich, den Chemismus der Lungen atmung kennen zu lernen. Eingeatmet wird atmo sphärische Luft, die bis auf geringe Schwankungen besteht aus :

Saukrstoff .... M,»» Volumprozent

Stickstoff 79,««

Kohlensäure .... »,«« »

Dagegen enthält Exspirationsluft im Mittel:

Sauerstoff .... I6,os Volumprozent

Stickstoff N.o,

Kohlensäure ... 4,»» »

und ergibt sich, daß letztere etwa ein Fünftel Sauer stoff weniger enthält als die ersten, und daß ihr Kohlensäuregehalt denjenigen der eingeatmeten Luft um mehr als das Hundertfache übersteigt. Von dein sehr reichen Gehalt an Kohlensäure in der Exspi rationsluft kann man sich leicht überzeugen durch den sehr bedeutenden Niederschlag von kohlensaurem Kalk oder Baryt, den diese Luft beim Durchleiten durch Kalk- oder Barytmasser erzeugt. DerGehalt an Stick stoff ist in der eingeatmeten wie ausgeatmeten Luft der gleiche, denn dieses Gas dient bloß zur Verdün nung des Sauerstoffs. Die ausgeatmete Luft ist nahezu auf die Körpertemperatur erhöht. Ferner enthält dieselbe eine Menge Waffer, welches von den feuchten Wandungen der gesamten AtmungsflSche in der Lunge herrührt. Beim ruhigen Atmen ist die Atmungsluft nahezu vollständig mit Wasserdampf gesättigt. Der oben geschilderte Gasaustausch in den Lungen besteht nun ununterbrochen das ganze Leben hindurch; sistiert man ihn, so tritt schon nach kurzer Zeit Erstickungstod ein.

Was die Triebkräfte für den Lungengaswechsel be trifft, so lehrte Lavoisier, daß in den Lungen eine hauptsächlich aus Kohlenstoff und Wasserstoff be stehende Flüssigkeit ausgehaucht werde, welche beim Zusammentreffen mit dem eingeatmeten Sauerstoff in Kohlensäure und Waffer umgewandelt würde. Als Magnus zeigte, daß sowohl arterielles als venöses Blut erhebliche Mengen von auspumpbarem Sauer stoff und von auspumpbarer Kohlensäure enthielten, wurde die Lavoisiersche Hypothese völlig unhaltbar, und man glaubte jetzt den Gaswechsel mit Hilfe des Dalton-Bunsenschen Gesetzes erklären zu können. Indessen ist der Lungengaswechsel durch Anwendung der bloßen Gesetze über das Verhalten einfach absor bierter Gase nicht zu verstehen, und man muß daher annehmen, daß sowohl die Kohlensäureausscheidung als auch die Sauerstoffaufnahme auf Dissociations